Kastration der Hündin - soll ich oder soll ich nicht?

Sucht man im Internet findet man unzählige Artikel zur Kastration einer Hündin. Und in nicht wenigen entdeckt man die Aussage, dass ein Viertel der nicht oder spät kastrierten Hündinnen an einem Mammatumor (Tumor in der Gesäugeleiste) erkranken würden. Rettung bringe hier einzig und alleine die Kastration. Je früher desto besser. Kastriert man die Hündin noch vor der 1. Läufigkeit, reduziert sich ihr Risiko auf 0.5 Prozent. Je länger man jedoch wartet, desto höher das Risiko und geringer die Prophylaxe.

80% Differenz, das ist ein enormer Unterschied und somit wäre eigentlich alles klar. Oder etwa doch nicht?
Bei diesen Zahlen fehlen nämlich ein paar wesentliche Angaben. Unter anderem, dass diese aus einer Studie aus dem Jahre 1969 stammen. Das alleine muss noch nichts bedeuten. Aber bereits 2007 hat Frau Dr. Gabriele Niepel in ihrem Buch "Kastration beim Hund - Chancen und Risiken" * darauf hingewiesen, dass diese Zahlen nur das relative Risiko aufzeigen. Das heisst, sie beziehen sich nicht auf die gesamte Hündinnen Population, sondern lediglich auf die Gruppe von Hündinnen, welche tatsächlich das Risiko in sich tragen, an einem Mammatumor zu erkranken. Daher lässt sich das tatsächliche Risiko nur beurteilen, wenn man auch die absoluten Zahlen kennt. Und absolut heisst, dass die Wahrscheinlichkeit einer unkastrierten Hündin an einem Mammatumor zu erkranken bei 0,2 bis 1,8 % liegt. Das bedeutet dass nur 2 bis 20 von 1000 Hündinnen überhaupt je von dieser Krankheit betroffen sein würden. Und ein Viertel davon wären demzufolge nur noch maximal 0.5%. Deutlich weniger als die eingangs erwähnten 25%. Auch treten die Gesäugetumore in der Regel erst in einem höheren Alter auf.
* Dieses basiert auf der Bielefelder Kastrationsstudie von Dr. Gabriele Niepel aus dem Jahre 2003

Ausserdem weiss man aufgrund neuerer Studien an Golden Retrievern und Vislaz, dass kastrierte Hund anfälliger auf andere Krankheiten und Krebsarten, sowie Gelenkserkrankungen zu sein scheinen, als unkastrierte. Dieses Ergebnis muss aber sicherlich noch anhand weiterer Studien an anderen Rassen sowie Erfahrungen aus der Praxis überprüft werden.

Leider kann uns heute niemand sagen, ob eine Hündin zur betroffenen Gruppe gehört oder nicht. Wem deshalb das Restrisiko noch zu hoch ist, für den ist eine Kastration immer noch eine mögliche Alternative. Aber mit dem Wissen über das absolute Risiko vielleicht erst nach der 2. oder 3. Läufigkeit, so dass die Hündin erwachsen werden kann. Weil Bilder einen Sachverhalt oft einfacher erklären, habe ich das Ganze in nachfolgendem Video noch einmal zusammengefasst

Aber auch beim Rüden hat die Kastration nicht nur positive Effekte. So ist zum Beispiel bekannt, dass auch bei ihnen das Risiko steigt, an bösartigen Tumoren zu erkranken. Ebenso wird das Bindegewebe geschwächt, was sich insbesondere bei älteren  und molosserartigen Hunden negativ auswirkt. Auch besteht die Gefahr, dass bestehende Unsicherheiten verstärkt werden.

Wird eine Kastration ins Auge gefasst, so sollte auch beim Rüden  wenn immer möglich mit einer Kastration so lange zu gewartet werden, wie eine Hündin braucht, um 3 mal läufig zu werden. Auch empfiehlt es sich, die Kastration nicht gerade im Frühling durchzuführen, da hier der Homronstatus infolge läufiger Hündinnen tendenziell höher ist.

Und bei beiden Geschlechtern gilt: eine Kastration wir immer nur die Verhalten beeinflussen, die durch die Sexualhormone gesteuert werden, also z.B. das Weglaufen wegen einer läufigen Hündin oder Hungern aus Liebeskummer". Die Jagdleidenschaft, Gehorsamsprobleme oder eine geringe Frustrationstoleranz und Impulskontrolle im Alltag gehören jedoch nicht dazu. Bei einem zu frühen Kastrationszeitpunkt besteht zudem die Gefahr, dass Hündin als auch Rüde ein welpiges Verhalten beibehalten, was aber von anderen Hunden im Erwachsenenalter nicht mehr akzeptiert wird.

Gerne empfehle ich auch die folgenden 2  Beiträge zu diesem Thema: