Signale zur Konfliktvermeidung

Als Rudeltiere ist der Hund darauf angewiesen, nicht gleich bei jedem Konflikt zähnefletschend auf seinen Nachbarn los gehen zu müssen, sondern den Konflikt, wann immer möglich, friedlich zu lösen. Nur so kann er verhindern, dass es zu ernsthaften Verletzungen innerhalb des Rudels kommt. Aber auch bei Begegnungen mit rudelfremden Tieren, wird er versuchen, einen Kampf zu vermeiden. Denn nur gesunde Tiere sind in der Lage, erfolgreich auf die Jagd zu gehen und somit zum Überleben des Rudels beizutragen.

Deshalb sendet der Hund, bevor er zur eigentlichen Verteidigung greift, diverse Beschwichtigungssignale aus, um die Situation zu entschärfen. Dabei können in der gleichen Situation je nach Hund unterschiedliche Verhalten gezeigt werden. Ein Hund kann langsamer werden, stehen bleiben, den Kopf zur Seite drehen und sich das Maul lecken, während der entgegen kommende Hund langsam im Bogen um ihn herum geht, am Boden schnüffelt und darauf achtet, dem stehenden Hund die Körperseite zuzuwenden.

Aber auch unter befreundeten Tieren können diese Signale eingesetzt werden. So versucht z.B. ein junger Hund sich durch den Einsatz von Beschwichtigungssignalen einem erwachsenen Tier zu nähern und so zu signalisieren, wie harmlos er doch sei. Aber auch ein unsicherer Hund benutzt diese Signale zur Beschwichtigung seines Gegenübers. Hier nur ein paar Beispiele dazu:

o Annäherung, pföteln in unterwürfiger Körperhaltung, Maulwinkellecken  - ich bin harmlos, tu mir nichts
o Züngeln - ich fühle mich unwohl, wenn du mir so nahe kommst
o Züngeln, gähnen - mir wird das alles zu viel
o gäääähn...ich weiss gerade nicht, was ich machen soll

Während diese Signale in erster Linie von den rangniederigeren bzw. jüngeren Tieren ausgesandt werden, zeigen ältere / souveräne Tiere durch Beruhigungssignale, dass sie die Situation im Griff haben. Zu diesen gehören u.a.

o Kopf wegdrehen und Blick abwenden in neutraler jedoch sicherer Körperhaltung
o Sicheres, souveränes Auftreten
o Sichere, neutrale Körperhaltung bei der Annäherung an einen neue Sache
o Pföteln zur Spielaufforderung
o Schnauzenzärtlichkeiten

Mit diesen Konfliktbewältigungsstrategien sollen aber nicht nur Bedrohung und Probleme vermieden sondern teilweise auch Stress, Unruhe und Nervosität abgelegt werden. Sehr häufig sieht man nach solchen Situationen, dass der Hund sich schüttelt, fast so als ob er sich den ganzen Stress abschütteln möchte. In aller Regel ist danach für den Hund auch alles wieder i.O.

Aber auch Drohgebärden können zur Konfliktvermeidung beitragen. Denn durch diese drückt der Hund nicht nur seine eigene Stärke aus, sondern zeigt auch, dass er durchaus in der Lage ist, diese einzusetzen. In der Regel genügt dies, um sein Gegenüber so weit einzuschüchtern, dass er sich nicht weiter nähert.

Aber nicht nur andere Vierbeiner, sondern auch wir Menschen empfinden einige Gesten unserer Hunde bedrohlich und ziehen uns zurück. Aber wer hätte gedacht, dass es den Hunden mit uns nicht anders geht?. So ängstigt sie z.B. ein zorniges und aggressives Verhalten von uns, ein direktes auf sie zu Gehen, das über sie Beugen, das Anstarren oder Festhalten. Auch in diesen Situationen wird ein Hund versuchen, zu beschwichtigen - ausgenommen die Bedrohung kommt unerwartet, etwa weil ein Kind stolpert und auf einen schlafenden Hund fällt.

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Wenn aber der Mensch diese Konflikt- und Stresssituationen übersieht oder schlimmer noch, falsch interpretiert und seinem Hund deshalb nicht die Möglichkeit gibt, Calming Signale und Drohgebärden artgerecht zu senden oder zu beantworten, kann die Situation eskalieren und es zum Angriff gegen Hund oder Mensch kommen. Genauso wenn der Mensch diese Signale nicht beachtet.

Ein typisches Beispiel dafür ist der Hund, der gelernt hat, dass er bestraft wird sobald er ein warnendes Knurren von sich gibt. Deshalb wird er vielleicht beim nächsten Tierarzt-Besuch ohne Vorwarnung zubeissen, weil er sich in dieser Stresssituation nicht mehr anders zu helfen weiss.

Genau so gefährlich sind aber auch Begegnungen mit Menschen, die aufgrund des schwanzwedelnden Hundes davon ausgehen, dass dieser die Annäherung begrüsst. Dabei übersehen sie, dass er sich gleichzeitig aufgeregt über die Nase züngelt. Kommt dann noch der liebevolle Klaps auf den Kopf, kann es durchaus geschehen, dass der Hund urplötzlich von den Besänftigungs- zu den Drohgebärden übergeht - und als böser Hund abgestempelt wird. Dabei wurden seine vorgehenden Signale einfach nicht verstanden.

Deshalb ist es wichtig, dass der Mensch die Signale erkennt und den Hund rechtzeitig aus der für ihn stressbelasteten Situation befreit. Neben vielem anderen zeichnet dies einen souveränen Hundeführeraus und schenkt dem Hund eine vertrauensvolle Basis für das Zusammenleben.

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Genauso wichtig ist es aber auch zu wissen, dass auch in einem Spiel solche Signale gezeigt werden können, ohne dass sie eine Bedrohung oder Unsicherheit darstellen. Dabei ist häufig zu beobachten, dass auch ein ranghohes Tier Beschwichtigunssignale aussendet, sich klein macht oder alles so übertrieben zeigt, dass sein Gegenüber weiss, dass im Augenblick alles nur spielerisch gemeint ist.